Der Fall des Buckelwals „Timmy“ bewegt seit Wochen Menschen weit über die Ostseeküste hinaus. Nachdem das geschwächte Tier mehrfach in flachen Gewässern vor Mecklenburg-Vorpommern gestrandet war, wurde es Anfang Mai in einer spektakulären Privataktion in die Nordsee transportiert und dort freigelassen. Doch inzwischen herrscht große Unsicherheit über das Schicksal des Wals. Die Ortungssignale des angebrachten Trackers sind verstummt, offizielle Stellen verfügen über keine belastbaren Daten mehr und Experten äußern erhebliche Zweifel an den Überlebenschancen des Tieres.
Eine beispiellose Rettungsaktion
Der Buckelwal war über Wochen immer wieder in der westlichen Ostsee gesichtet worden. Besonders vor der Insel Poel geriet das Tier mehrfach in flache Gewässer und zeigte deutliche Erschöpfungserscheinungen. Die Situation entwickelte sich zu einem medialen Großereignis. Während Wissenschaftler früh warnten, dass die Ostsee für Großwale kaum geeignete Lebensbedingungen bietet, entstand parallel eine private Rettungsinitiative.
Mit Hilfe eines Schleppers und eines gefluteten Lastkahns wurde der mehrere Tonnen schwere Wal schließlich Richtung Nordsee transportiert. Die Aktion galt als technisch außergewöhnlich und wurde von Unterstützern als historische Rettungsmission gefeiert. Am 2. Mai wurde „Timmy“ nahe Skagen in der Nordsee freigelassen. Kurz danach zeigten Aufnahmen noch einen Wal, der Atemfontänen ausstieß und anschließend abtauchte. Danach verlor sich seine Spur weitgehend.
Keine Lebenszeichen mehr vom Wal
In den vergangenen Tagen verschlechterte sich die Informationslage deutlich. Wie Unterstützer der privaten Initiative mitteilten, sendet der am Wal befestigte Tracker inzwischen keine Signale mehr. Zunächst seien nur unklare Daten übertragen worden, zuletzt habe es überhaupt keine verwertbaren Informationen mehr gegeben. Die Geldgeberin Karin Walter-Mommert erklärte gegenüber Medien, dass möglicherweise der Sender beschädigt worden sei. Gleichzeitig räumte sie ein, dass derzeit keinerlei Positionsdaten vorliegen.
Auch das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns bestätigte, dass bislang keine unabhängig überprüfbaren Telemetriedaten eingegangen seien. Laut Ministerium war mit der Initiative ursprünglich vereinbart worden, entsprechende Positionsdaten bereitzustellen. Inzwischen prüfen Juristen offenbar weitere Schritte.
Damit bleibt völlig offen, ob der Wal noch lebt, ob der Sender defekt ist oder ob sich das Tier möglicherweise in einem Zustand befindet, in dem keine Signale mehr übertragen werden können.
Experten sehen geringe Überlebenschancen
Meeresbiologen hatten bereits vor der Freilassung darauf hingewiesen, dass „Timmy“ stark geschwächt gewesen sei. Der Wal zeigte Hautschäden durch das salzarme Ostseewasser und verhielt sich über längere Zeit ungewöhnlich ruhig. Fachleute des Deutschen Meeresmuseums sowie des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung hatten schon im April erklärt, dass die Chancen auf eine erfolgreiche Rettung äußerst gering seien.
Hinzu kommt, dass Großwale in der Ostsee als sogenannte Irrgäste gelten. Die Region ist für Tiere wie Buckelwale biologisch problematisch. Der geringe Salzgehalt, fehlende Tiefseezonen und eingeschränkte Nahrungsangebote erschweren das Überleben erheblich. Immer wieder verirren sich einzelne Tiere in die Ostsee und werden später tot aufgefunden. Wissenschaftler sprechen deshalb teilweise sogar von einer „Todesfalle“ für Großwale.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor betrifft die Technik selbst. Experten weisen darauf hin, dass GPS-Sender nur dann zuverlässig Daten liefern, wenn sich ein Wal regelmäßig längere Zeit an der Wasseroberfläche aufhält. Sollte das Tier stark geschwächt sein oder bereits gesunken sein, wären keine Ortungssignale mehr möglich.
Streit um die Freilassung
Inzwischen wird auch die Durchführung der Rettungsaktion zunehmend kontrovers diskutiert. Beteiligte Helfer äußerten Kritik an der Art der Freilassung des Wals. Der Schriftsteller und Umweltschützer Sergio Bambarén, der an der Mission beteiligt war, erklärte in einem Interview, dass während des Einsatzes Fehler gemacht worden seien. Besonders die Freilassung des Tieres bezeichnete er rückblickend kritisch. Gleichzeitig sprach er aber dennoch von einer „erfolgreichen Rettungsaktion“.
Auch Tierärztin Kirsten Tönnies hatte bereits zuvor Vorwürfe gegen Teile der Schiffsbesatzung erhoben. Nach ihren Aussagen sei der Wal teilweise ohne ausreichende Abstimmung freigelassen worden. Die genauen Abläufe lassen sich bislang allerdings nicht vollständig unabhängig überprüfen.
Der Fall zeigt damit nicht nur die emotionale Dimension solcher Rettungsaktionen, sondern auch die schwierige Balance zwischen öffentlichem Druck, Tierschutz, Wissenschaft und praktischer Umsetzbarkeit.
Der Wal wurde zum Symboltier
„Timmy“ entwickelte sich in den vergangenen Wochen zu einem Symbolfall. Tausende Menschen verfolgten die Entwicklungen täglich in sozialen Netzwerken und Nachrichtenseiten. Der Wal erhielt verschiedene Spitznamen wie „Timmy“, „Hope“ oder „Fridolin“. Die enorme mediale Aufmerksamkeit führte zugleich zu Diskussionen über die Vermenschlichung von Wildtieren und den Umgang mit spektakulären Naturereignissen.
Der Fall erinnert zudem an frühere Großwale, die sich in die Ostsee verirrt hatten. Bereits 2003 und 2006 waren ähnliche Fälle dokumentiert worden, die tödlich endeten. Obwohl einzelne Tiere den Weg zurück in den Atlantik finden konnten, gelten langanhaltende Aufenthalte in der Ostsee für Buckelwale als äußerst riskant.
Ungewisse Zukunft
Fast zwei Wochen nach der Freilassung gibt es weiterhin keinerlei gesicherte Informationen über den Aufenthaltsort oder Zustand des Buckelwals. Weder Behörden noch die beteiligte Privatinitiative können derzeit nachweisen, ob das Tier noch lebt. Damit bleibt die spektakuläre Rettungsmission vorerst ohne eindeutiges Ergebnis.
Der Fall „Timmy“ verdeutlicht die Grenzen menschlicher Eingriffe in komplexe Naturprozesse. Während viele Beteiligte hofften, dem Wal den Weg zurück in die Freiheit ermöglicht zu haben, bleibt nun vor allem Unsicherheit zurück. Ob der Buckelwal den Weg in den Atlantik gefunden hat oder längst verendet ist, könnte möglicherweise nie vollständig geklärt werden.
Quellen
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/ich-merkte-dass-etwas-nicht-stimmte-beteiligter-wal-retter-aussert-sich-zur-freilassung-von-timmy-15530507.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Timmy_(Buckelwal)
https://de.wikipedia.org/wiki/Wale_in_der_Ostsee